“Und? Schläft das Baby schon durch?” – kleine Frage mit großer Aussagekraft

Die Frage, ob mein Baby schon durchschläft, wundert mich immer wieder aufs Neue. Selbst jetzt noch, nach 13 Monaten! Dass diese Frage kommen würde, wusste ich schon während der Schwangerschaft. Denn, ganz ehrlich, ich habe diese Frage früher auch schon mal gestellt. Ja, ich wusste es eben nicht besser. Wenn man die Frage so oft hört, muss ja vielleicht etwas dran sein.

Und dann kam sie, die Frage. Etwas früher als ich erwartet hätte, ich war nämlich noch im Krankenhaus. Meine Antwort auf die Frage war: “meinst du das wirklich ernst?” auch. Welches Baby schläft bitte einen Tag nach der Geburt durch? Also, meins nicht.

Ich frage mich, woher diese Frage kommt. Warum ist das so oft die allererste Frage an frischgebackene Eltern? Ich weiß es nicht, aber ich habe in den letzten Monaten sehr viel darüber nachgedacht und meine Theorie entwickelt:

1. Das Bild der Mutterschaft das wir haben, haben wir vor allem aus den Medien. Und die Medien sind nicht gerade dafür bekannt, objektive Bilder zu zeichnen. Im Zeitalter der Kleinfamilien und Einzelkinder bekommen viele von uns andere Mütter in Aktion jenseits der eigenen Kindheit kaum zu Gesicht. Klar kennen wir alle auch andere Mütter, aber ein Spaziergang oder Mittagessen mit einer befreundeten Mutter zählen nicht. Wir sind nicht in ihren Alltag eingebunden. Ich wage sogar die Aussage, dass sich unsere Gesellschaft von der Mutterschaft entfremdet hat (sieht man z.B. daran, wie viele Menschen es eklig finden, wenn eine Mutter ihr Kind stillt. Stillende Mütter werden regelmäßig aus Restaurants, Cafés, Läden, Behörden etc. geworfen – obwohl die allermeisten Mütter sehr diskret stillen). Diese Entfremdung führt dazu, dass wir viele Dinge über Babies gar nicht mehr wissen und wir Dinge, die uns in den Medien als Tatsachen präsentiert werden, einfach kritiklos annehmen – wie z.B. dass Babies angeblich durchzuschlafen hätten. Und wenn sie es nicht tun, dann stimmt angeblich etwas mit dem Kind nicht.

2. Der zweite Punkt meiner Theorie: Es geht vielen Müttern oft darum, so schnell wie möglich ihren “Ursprungszustand” wieder herzustellen. Wie z.B. so schnell wie möglich den Körper von vor der Geburt zurückkriegen (obwohl das oft schlicht unmöglich ist, so einen festen, flachen Bauch wie vor der Geburt werde ich wohl nie wieder haben. Naja, es gibt Schlimmeres :-). Die Medien befeuern dieses Verhalten tatkräftig. Promis haben ihren Personal Trainer und Heidi Klum läuft ein paar Wochen nach ihrer Schwangerschaft eine Victoria’s-Secret-Modenschau und wird von allen Seiten dafür bejubelt. Je früher schlank, schön, ausgeruht, umso besser. Es ist ein Wettbewerb zwischen Müttern, welcher Frau man die Schwangerschaft am schnellsten nicht mehr ansehen kann. Wenn einige Frauen diesen Wettbewerb anstoßen, übt das Druck auf andere Frauen aus, mitzuhalten. Natürlich werden dabei nur die positiven Ergebnisse kommuniziert (wie z.B. “hey, schaut her, ich habe nach 8 Wochen meine ursprüngliche Figur zurück!”), aber so gut wie nie die Rückschläge bzw. negativen Seiten (Stillprobleme, Schreibaby, Schönheits-OPs für die Traumfigur etc.). Und dieser Wettbewerb, so schnell wie möglich zum Originalzustand zu gelangen, ist letztlich auch ein Wettbewerb darum, wessen Kind am schnellsten am wenigsten im Leben der Mutter stört. Und die ultimative Paradedisziplin im Wenigstören einer modernen Mutter ist für ein Baby das Durchschlafen. Denn damit hat die Mutter einen ganz wesentlichen, modernen Ursprungszustand wieder hergestellt: Die exklusive Zweisamkeit mit ihrem Partner während das Baby in einem anderen Zimmer durchschläft.

3. Womit ich beim dritten Punkt meiner Theorie wäre: Babies und Kleinkinder sind zunehmend unsichtbar in unserer Gesellschaft. Ich kann mich noch gut an ein Fest erinnern, das meine Eltern vor über 15 Jahren in ihrem Garten ausgerichtet haben. Es war ein Familienfest zu dem auch Kollegen meiner Mutter eingeladen waren. Und einer der Kollegen meiner Mutter war total irritiert, als er festgestellt hat, dass ich die Tochter meiner Mutter bin. Und nicht nur das: Meine Mutter hat sogar noch zwei Kinder. Es ist nicht so, dass meine Mutter verheimlicht, dass sie Kinder hat. Aber wenn man die Kinder der Kollegen nicht sieht, nimmt man die Kollegen auch nicht als Eltern wahr. Und da Kinder aus dem Arbeitsleben der Eltern fein säuberlich rausgehalten werden, sind sie im Alltag für andere Kollegen quasi unsichtbar, viele Kollegen ohne Kinder sehen sogar fast nie Kinder im Bekanntenkreis. Und wenn wir nach unserer eigenen Kindheit bis zur eigenen Elternschaft kaum Kontakt zu Kindern haben, können wir auch kein realistisches Bild von ihnen entwickeln.

Und so schließt sich der Teufelskreis. Denn wenn wir kein realistisches Bild von Kindern haben, sind wir anfällig für unrealistische Bilder aus den Medien. Diese unrealistischen Bilder werden als erstrebenswerte Norm definiert, was zu einem Wettbewerb unter Müttern führt, wessen Baby diesen Normen am schnellsten entspricht. Und das Ideal dieser unrealistischen Darstellung ist das Kind, das so wenig stört, dass es quasi unsichtbar ist – was es anderen Menschen wieder unmöglich macht, ein realistisches Babybild zu entwickeln…

Wie entkommen wir diesem Teufelskreis? Zum Beispiel, indem wir Leute, die diesen Fishing-for-Baby-compliments-Elternwettbewerb anzetteln, (“mein Kind schläft schon x Stunden; kann/sagt schon…; ist schon trocken; etc.”) mehr oder weniger demonstrativ ignorieren. Indem wir anfangen, ganz offen über Probleme mit unserer Elternschaft zu reden und dann feststellen, dass wir mit unseren Problemen ganz und gar nicht alleine sind. Indem wir die Frage, ob das Kind schon durchschläft, ganz ehrlich beantworten: “Nein, sie schläft nicht durch, aber das ist nicht schlimm, wir kriegen trotzdem genug Schlaf :-)

Oder, ganz einfach, indem wir uns (und andere) informieren: Durchschlafen ist ungesund :-)

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2 Comments

  1. Öhm, meine These ist einfach, dass der Gedanke selber nicht mehr durchschlafen zu können, für viele einfach unangenehm ist und man sich diesen Zustand für den anderen möglichst früh wieder wegwünscht. Dazu vielleicht noch, dass man als Laie gar nicht weiß, was man wann fragen kann. Dass es Unsinn ist, gleich in den ersten Wochen nach den ersten Zähnen, Schritten oder Worten zu fragen, ist den meisten wohl klar. Also kommt diese “zeitlose” Generalfrage (zumindest für mich ist sie zeitlos, keine Ahnung, wann Babys normalerweise durchschlafen).

    Als Wettbewerb habe ich das übrigens auch nie gesehen. Eher als Freude über die Entwicklung des eigenes Kindes. Aber ich bin ja auch Laie. :-)

  2. sympa

    Mich interessiert ja gerade, woher diese Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft kommt, Mütter nach dem Durchschlafen ihrer Babies zu fragen. Denn diese Frage ist in anderen Kulturkreisen überhaupt keine “zeitlose Generalfrage” :-)
    Woanders finden es Eltern ganz normal, dass Kinder nicht vor ihrem 3. oder 4. Geburtstag durchschlafen. Und selbst in Ungarn, das ja weder geografisch noch kulturell sehr von uns entfernt ist, wurde mir diese Frage bisher kein einziges Mal gestellt – obwohl ich schon zweimal mit Baby dort im Urlaub war (als sie 4 und 8 Monate alt war).

    Zum Thema Wettbewerb: Ich glaube, das ist so ein manchmal sehr subtiles Frauending…

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