1980: Frau geht einen oder zwei Tage vor dem geplanten Geburtstermin ins Krankenhaus. Ein Kaiserschnitt wird unter Vollnarkose durchgeführt. Dabei wird der Bauch vom Schambein bis zum Bauchnabel aufgeschnitten. Jahre später bleibt eine lange, fingerdicke Narbe zurück. Das Baby wird untersucht und in einen Raum mit anderen Babies gebracht, fest in ein Tuch gebunden und mit einem Schnuller beruhigt. Sobald die Mutter aufwacht, bringt eine Krankenschwester das Baby zum Anlegen. Es wird strikt darauf geachtet, dass das Baby nur alle drei Stunden angelegt wird. In der Zwischenzeit kommt das Baby wieder in den separaten Raum zu den anderen Babies. Die Mütter nennen den Raum “Schreiraum”. Ab 22 bis 6 Uhr dürfen die Mütter dann gar nicht mehr stillen. Damit sie sich ausruhen können, heißt es. Die Babies dürfen nicht bei den Müttern schlafen und werden von den Krankenschwestern gewindelt, gefüttert und gewaschen. Väter sind überhaupt nicht gerne gesehen. Die Mütter halten die Babies an die Fenster, damit die Väter draußen ihren Nachwuchs bewundern können. Die Mütter bleiben nach einem Kaiserschnitt 12 Tage im Krankenhaus.

2011: Frau geht am Tag des geplanten Geburtstermins ins Krankenhaus. Der aufgrund einer Beckenendlage angesetzte Kaiserschnitt wird vorbereitet. Ein letzter Ultraschall wird gemacht, um zu sehen, ob sich das Kind vielleicht doch noch gedreht hat. Hat es nicht. Eine PDA wird gelegt. Der Vater wird in den Operationssaal geführt, damit er bei der Entbindung seines Kindes dabei sein kann. Ein “sanfter Kaiserschnitt” nach Misgav Ladach wird durchgeführt. Der Vater hält die Hand seiner Partnerin. Ein Jahr später ist die Narbe im Schambereich kaum noch sichtbar. Das Baby wird der Mutter gezeigt und kurz an ihre Stirn gelegt, während die Ärzte die Wunde vernähen. Dann erfolgt die erste Untersuchung, die U1. Das Baby wird anschließend dem Vater übergeben, der es sich auf die nackte Brust legt bis die Operation der Mutter beendet ist. Der Vater bringt das Baby zur Mutter in den Aufwachraum, wo sie es sofort anlegt. Nach einer Stunde wird die kleine Familie in ein Zimmer verlegt, zwei Betten werden zusammengeschoben und das Baby stundenlang bewundert und beschnuppert. Die Krankenschwestern unterstützen die Mutter bei den ersten Stillversuchen. Das Baby ist Tag und Nacht bei der Mutter, bei der U2 gibt sie es nur kurz aus den Händen und bei der Hüftsonographie hält nicht der Arzt, sondern die Mutter das Baby. Der Vater bleibt zwei Nächte im Krankenhaus bei seiner Familie. Nach fünf Nächten darf auch die Mutter nach Hause.

Der Kaiserschnitt, den ich hatte, war so viel angenehmer als der, bei dem ich geboren wurde. Und dennoch fühlt es sich nach einem Jahr immer noch falsch an. Und es macht mich wütend, wenn andere behaupten, ich solle doch glücklich sein, Hauptsache, das Kind sei gesund. Hätte ich noch warten sollen, vielleicht bis zu den Wehen, hätte sie sich noch gedreht? Hätte ich den übervorsichtigen Ärzten den Vogel zeigen und auf mein Gefühl hören sollen? Wäre das ein zu hohes Risiko gewesen, hätte ich sie damit in Gefahr gebracht? Ich weiß es nicht. Manchmal macht es mich traurig, mein Kind nicht richtig geboren zu haben. Ich habe das Gefühl, dass ich damit eine sehr wichtige Erfahrung nicht gemacht, etwas verpasst habe. Und so bleibt mir nur zu hoffen, dass es eines Tages bei der nächsten Schwangerschaft anders läuft und innerlich ein trauriges “Hast du es gut” zu seufzen, wenn Freundinnen und Bekannte von ihren natürlichen Geburten sprechen.