An unserem letzten vollen Tag haben wir es tatsächlich geschafft, uns “richtige” Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Unsere erste Station ist die Markthalle. Im Erdgeschoss gibts Lebensmittel in allen möglichen Dareichungsformen zu kaufen, z.B. lächelnde Apfelpaprika:

Stand in der Markthalle mit lachenden Apfelpaprika

In dieser Markthalle sieht man sehr schön, dass die Ungarn gerne, viel und scharf essen. Vor allem essen die Ungarn gerne deftig und salzig. Was in jedes ungarische Essen rein muss sind Zwiebeln, Knoblauch oder Paprika. Und natürlich Fleisch, Fleisch, Fleisch. Daher ist das ungarische Nationalgericht natürlich auch eine Kombination all dieser Zutaten: Pörkölt – übersetzt wird es mit Gulasch und darunter verstehen viele Deutsche eine Suppe. Das wäre dann zurückübersetzt “Gulyás” was zwar eine Suppe, aber kein Pörkölt ist.

Markthalle

Die Markthalle steht am Ende der Váci utca, quasi der Touristenmeile. Hier kann man überteuert essen und Souvenirs kaufen, die man in jeder anderen Großstadt auch findet. Das Lokalkolorit beschränkt sich meistens auf den “Budapest”-Schriftzug und schlechte Wechselkurse. Die Straße an sich ist jedoch sehr sehenswert. Hier passiert es wieder: der heftige Zusammenstoß aus alt und neu, schön und unglaublich hässlich.

Schön sind z.B. viele Gebäude. Deutsche Augen sind so große architektonische Schönheit in solcher Masse meist überhaupt nicht gewohnt, was dann oft zu sehr großen Augen führt. Touristen erkennt man sehr gut daran, dass sie oft nach oben schauen. Dabei entdecken sie oft wunderschöne Details an den Gebäuden. Wenn man dagegen mit einem Ungarn die Váci utca entlangläuft und auf ein solches Detail hinweist, kommt fast immer ein “ach, das ist mir noch nie aufgefallen”.

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Etwas, das die Architektur in Budapest auszeichnet, ist die versteckte Schönheit. Die Gebäude in der Innenstadt haben oft nicht nur eine wunderschöne Fassade, sondern auch beeindruckende Treppenhäuser und oft auch antike Aufzüge. Und, was auch sehr typisch ist, große Innenhöfe. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, sollte man unbedingt einen Blick hinter die Gebäudetore werfen. Dort offenbart sich oft ein Mikrokosmos aus bunt zusammengewürfelten Blumentöpfen, verzierten Geländern und Sitzgelegenheiten.

Hinterhof in Budapest

In die Altbauten kommt man meistens durch Stahltüren. Wenn man Glück hat, sind diese reich verziert…

Schöne Türen

… oder im kommunistischen Minimalstil gehalten.

Seltsame Türen

Trotz des architektonischen Wildwuchses dominiert das Schöne in der Innenstadt.

Häuserschluchten in Budapest

Am Vörösmarty tér endet die Váci utca. Wir schlagen dann den Weg leicht rechts ein, gehen am József Nádor tér vorbei und landen, wie es der Zufall so will, beim Spielplatz am Hild tér. Hier kriegt die Zwergdame Ausgang und schnorrt sich von anderen Kindern Kekse während die Eltern die Beine hochlegen und entspannt die ersten, warmen Sonnenstrahlen des Frühlings genießen.

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Vom Hild tér geht’s quer über den Erzsébet tér zum Deák Ferenc tér (tér = Platz. Man sieht schon: Die Ungarn lieben große, weite Plätze). In meiner Teenagerzeit kamen hier noch die Fernbusse an. Heute dagegen am weniger schönen und weniger zentralen Népliget.

Am Deák Ferenc tér

Der Deák Ferenc tér ist auch wieder ein kleiner ungarischer Mikrokosmos. Man sieht Arbeiterkolonnen aus “Közmunkások” die Beete bepflanzen – quasi wie bei uns die 1€-Jobber denen die Sozialhilfe gekürzt wird, wenn sie diese Jobs nicht machen. Hin und wieder sieht man Obdachlose, die aber schnell vertrieben werden. In einer Ecke tummeln sich junge Skater. Dann wieder ein klitzekleines Metallgerüst um einen Baum, das Hunderte Verliebte mit Schlössern als Symbol ihrer Liebe behangen haben. Woanders aufhängen ist verboten und wird sofort entfernt.

Liebesschlösser am Deák Ferenc tér

Und irgendwie kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass dem jugendlichen Überschwang und seiner Subkultur nur wenig Raum gegönnt wird: Skaten – ja, aber bitte nur auf diesen kleinen Flächen sonst gibts Ärger. Und die Liebesschlösser kennt man aus anderen Städten auch in etwas anderer Form: Da werden ganze Brückengeländer hoch und runter behangen und entwickeln sich mehr und mehr zu einer ganz eigenen Sehenswürdigkeit. Was in anderen Städten stillschweigend und teilweise wohlwollend geduldet wird, wird in Budapest, so scheint es mir, viel stärker in die Schranken gewiesen und reglementiert. Ob Hip Hop, Techno, Graffiti, Guerilla Knitting, Surfen, Skateboarding oder was auch immer – es ist doch oft die Grenzüberschreitung, das Anarchische und die Subkultur, aus der Neues erwächst.

Alle 11 Tage in Budapest:

Tag 0: Am Flughafen ankommen
Tag 1: Shoppen, Wochenticket, Westend und vergessene Badeanzüge
Tag 2: Aquaworld und Einkaufen
Tag 3: Einkaufen im Markt
Tag 4: Tropicarum und Szimpla Kert
Tag 5: Eleven Park
Tag 6: Spielplatzhopping und die Tücken des Spazierengehens
Tag 7: Király utca, Gozsdu udvar und die Budapester Synagoge
Tag 8: Göd und Einkaufen in Ungarn
Tag 9: Pfannkuchenfrühstück, Feneketlen tó und Patchwork-ÖPNV
Tag 10: Markthalle, Váci utca und Deák Ferenc tér
Tag 11: Zum Flughafen und bye bye Budapest