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Montag, November 09, 2009

Heute vor 20 Jahren

An jenem Abend hat mein Vater mich vor den Fernseher geholt und gesagt, ich solle zuschauen. Das wäre ein ganz besonderer Moment. Ich sah hektische Bilder, schreiende, jubelnde und singende Menschen und eine Mauer fallen. Ich hatte eine Gänsehaut. Am gleichen Abend und in den folgenden Tagen haben meine Eltern einen neuen Telefonkosten-Rekord erstellt. Es wurde eifrig nach Rumänien telefoniert und ständig klingelte unser Telefon. Damals waren die Verbindungen noch so schlecht, dass mein Vater ständig ins Telefon schreien musste. "Ja. Ja, es ist wahr. Die Mauer ist gefallen.". Es gab keine ruhige Minute mehr. Ich frage meinen Vater heute, was er damals gedacht hat. "Es war ein Wunder. Wir haben alle gedacht, dass dieses System die nächsten 1.000 Jahre überdauern würde. Und ich wusste, diese Veränderung würde sich überall im Osten durchsetzen. Ich war sehr, sehr glücklich."

Und ich denke mir, was wäre, wenn wir 1986 nicht aus Rumänien ausgereist, sondern dort geblieben wären? Wäre es wirklich so ein schlechtes Leben gewesen? Schließlich wäre drei Jahre später alles vorbei gewesen. Und dann ertappe ich mich dabei, bei diesen verharmlosenden Gedanken, die man nur als Vergessender haben kann. Oder als jemand, der das Regime gar nicht richtig miterlebt hat. Damals, 1986, erschien ein Atomkrieg wahrscheinlicher, als dass der Eiserne Vorhang in den nächsten Jahrzehnten fallen würde - von einem friedlichen Systemsturz ganz zu schweigen. Und ich beginne zu erahnen, was für ein Opfer meine Eltern gebracht haben: Sie haben alles zurückgelassen: Freunde, Karriere, das gewohnte Leben und sogar die eigene Sprache. Sie haben mit über 40 ein neues Leben gewagt. Ich frage mich: Würde ich mich das auch trauen?

Meine Eltern sagen heute, sie hätten gar keine andere Wahl gehabt. Wäre es nur um sie selbst gegangen, hätten sie es wohl noch viele Jahre ausgehalten. Aber sie hatten drei kleine Kinder. Und sie wollten nicht, dass wir "Soimii patriei" werden, fahnenschwenkende Kinder die ihren kommunistischen Führer treu ergeben anhimmeln. Also haben sie versucht, zunächst sachte und später energischer gegen die Indoktrination anzukämpfen. So vorsichtig wir auch waren, ein Restrisiko blieb: Ein kleiner, unbedachter Kommentar zum Beispiel in der Schule hätte eine Katastrophe auslösen können. Nachbarn bespitzelten sich gegenseitig. Überall lauerte die Geheimpolizei. Also wurde die Ausreise geplant, die vier Jahre später in dem glücklichen Moment gipfelt, aus dem Zug auszusteigen und deutschen Boden zu betreten.

Damit war der Kampf nicht vorbei. In Freiheit zu bestehen, ist auch nicht leicht. Aber es war ein anderer Kampf. Einer, den meine Eltern gerne führten. "Wir wollten, dass ihr in Sicherheit leben könnt. Wir wollten Freiheit und Demokratie. Dafür lohnt es sich doch, alles zurückzulassen. Gott sei Dank hat sich alles so gut gefügt. Es ist wie ein kleines Wunder".

2 Comments:



Blogger Peter said...

hhm, finde ich gut den Hinweis mit dem "Atomkrieg wahrscheinlicher" - unter diesem psychischen und politischen Dauerterror sind wir tatsächlich in gewisser Weise gross geworden. Wer Obama in Prag über eine Welt ohne Atomwaffen reden hörte, der war wohl umso gerührter, mir ging's zumindest so, weil ein Kindheitstrauma sich scheinbar in Luft aufzulösen begann. Selbst wenn einer nur gut gewählte Worte sprach.

November 13, 2009 11:41 AM  


Blogger sympatexter said...

Ich finde es faszinierend, wie selbst ganz kurz vor dem Fall der Mauer dieses Ereignis dennoch so unwahrscheinlich erschien. Deshalb sind meine Eltern weggegangen. Ich denke, wenn man das 1986 gewusst hätte, dass man nur noch 3 Jahre aushalten müsste... wer weiß, vielleicht würde ich heute rumänisch bloggen ;-)

Von einem Kindheitstrauma würde ich nicht reden. Zumindest nicht bei mir, dafür war ich damals viel zu klein. Aber selbst meine Eltern haben heute so eine Distanz zu dieser Zeit, dass sie heute den Kopf schütteln, wenn sie darüber nachdenken, dass es damals ganz normal war, bei einem Familientreffen die Telefone und Steckdosen mit Kissen abzudecken, weil man ja abgehört werden könnte.

November 16, 2009 2:18 PM  

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